Lasst den Forschern Spass am Forschen, dann kommt das Neue in die Welt

Mittelstraß, Jürgen (2009): Finden und Erfinden : Die Entstehung des Neuen. Herausgegeben von Timon Beyes und Jürgen Mittelstraß. Berlin: Berlin University Press.

Rezensiert von Armin König

Wie kommt das Neue in die Welt? Ganz gewiss nicht durch “Exzellenzinitiativen“ und immer neue „Evaluierungseinfälle“, die nicht der Innovation, sondern allein der Legitimation von Wissenschaftsbürokratien dienen. Die Wirtschaft, auf Effizienz getrimmt, saugt ihre Cash Cows aus, hat aber aus Renditeerwägungen die teuren Forschungsabteilungen zurückgefahren – und wundert sich, wenn deutsche Unternehmen plötzlich von der internationalen Konkurrenz abgehängt werden.

Jürgen Mittelstraß und Timon Beyes gehen beim 2. Duisburger Dialog der Frage nach, wie „Die Entstehung des Neuen“ funktioniert und wie „Finden und Erfinden“ forciert werden können. Dass Wissenschaft und Forschung dabei eine entscheidende Rolle spielen müssen, ist für Mittelstraß unbestritten. Gleichzeitig warnt der langjährige Präsident der Academia Europaea vor einer Vereinnahmung der Forschung durch die Wirtschaft. Wäre Wissenschaft „nur der verlängerte Arm der Werkbänke“, so Mittelstraß, „so verlöre sie gerade ihre produktive Kraft, die allemal darin besteht, das Neue in die Welt zu bringen, nicht das Gewohnte oder das Begehrte, selbst ohne Einsichten und Einfälle, zu fördern“ (18). Mittelstraß räumt ein, dass sich manche diese strikte Anwendungsorientierung wünschen, dass dies aber der falsche Weg sei. Die Grenzen zwischen Grundlagen- und Anwendungsforschung seien ohnehin fließend geworden.

Um die Effizienz zu erhöhen und Neues auf den Weg zu bringen, spricht sich Mittelstraß für die Verbindung von reiner Grundlagenforschung, angewandter Grundlagenforschung und verwertungsorientierter Forschung zu einem „Forschungsdreieck“ aus. Er fordert gleichzeitig mehr Transdisziplinarität. Die Bemühungen zur Kooperation und Transdisziplinarität seien unzureichend und erfolgten in einer „viel zu unentschlossenen, in Wahrheit das Bestehende schützenden Weise“ (23). Das sind klare Worte eines intimen Kenners der deutschen Forschungs- und Hochschullandschaft.

Es stimmt ja auch: Noch immer achtet jeder Lehrstuhlinhaber eifersüchtig auf seinen Einfluss, seine Macht, seine Forschungsgelder und seine Profilierungsmöglichkeiten. Die Exzellenzinitiativen haben dieses System noch gefördert. Für Mittelstraß ist dies nicht zukunftsträchtig: „Die Probleme (…) tun uns zunehmend nicht mehr den Gefallen, sich selbst disziplinär oder gar fachlich zu definieren, wie etwa Umwelt-, Energie- und Gesundheitsprobleme deutlich machen“ (23) Mittelstraß fordert deshalb „Forschungsverbünde auf Zeit“ (24) und „Vernetzung auf niedrigem institutionellem Niveau“ (24), damit das Neue in die Welt kommt, damit Finden und Erfinden erleichtert werden. Abgrenzung und Isolation seien kontraproduktiv, Kooperationen sind gefragt. „Es geht darum, wo heute Zäune stehen, institutionelle wie bewusstseinsmäßige Wanderwege einzurichten“. (24) Mittelstraß plädiert für eine institutionelle Weiterentwicklung, die einem Paradigmenwechsel gleichkommt. „Das Wissenschaftssystem muss sich bewegen, wenn sich die Forschung bewegt“. (24) Von Politik und Gesellschaft verlangt Mittelstraß eine durchaus kritische Forschungs- und Technologie-Akzeptanz. Als innovationsfeindlich kritisiert er die allgegenwärtigen Versuche, die Universitäten in wirtschaftsnahe Schemen zu pressen. „So tun wir derzeit alles, um den Universitäten die Lust an allem Neuen, Innovativen zu verderben. Wir fordern Qualitätssicherung, als sei sie nicht da, wir überziehen das universitäre System mit immer neuen Evaluierungseinfällen, wobei das Instrument der Evaluierung schön längst nicht mehr der Leitungssteigerung als vielmehr der Legitimationsbeschaffung dient“, kritisiert Mittelstraß. (28) Recht hat er.

Rolf Schieder nimmt den Faden auf, „Lust“ auf Neues zu forcieren und verweist darauf, dass schon Friedrich Schleiermacher die philosophische Theologie mit Lust und Unlust an Ereignissen und Erkenntnissen in Zusammenhang brachte. Vor allem geht es Schieder darum, Wissenschaftler und den wissenschaftlichen Nachwuchs dazu zu bringen, selbst zu denken, auch wenn es mit Risiken verbunden ist, durch subjektive Wahrnehmung zu selbstverantworteten neuen Theorien zu kommen, dabei über den Tellerrand der eigenen Disziplin zu schauen, um durch freies Forschen zum „Finden und Erfinden innovativer Modelle“ (54) zu kommen. Insofern sei „alle Theologie auch als Grundlagenforschung immer auch anwendungsorientierte Forschung“. (54) Brisanz gewinnt das Thema, wenn es um gesellschaftliche Kontroversen wie die aktuelle Diskussion um Darwin, Dawkins und den Atheismus geht. Hier sei Transdisziplinarität unverzichtbar. Dabei treibt Schieder die Frage der Bildung um: „Es ist also nicht die Religion selbst, die die Akzeptanz von Wissenschaft und Innovation behindert, es sind ungebildete Religionen, denen bereits die notwendige Differenzierungsfähigkeit fehlt, um mit komplexen gesellschaftlichen Lagen anders als defensiv-dualistisch umgehen zu können.“ (47)

Hier kommt nun wieder die praktische Theologie ins Spiel – in Form der religiösen Bildung an Schulen. „Deshalb braucht eine wissenschaftsfreundliche Gesellschaft dringend religiöse und weltanschauliche Bildung an den öffentlichen Schulen. (…) Vor allem aber ist die Einführung islamischen Religionsunterrichts dringlich“.(47)
„Finden und Erfinden“ wird oft mit Intuition in Verbindung gebracht. Axel Börsch-Supan stellt dies als Volkswirtschaftler in Frage. Der als Empiriker bekannte Volkswirtschaftler und Statistiker verlangt von seiner Disziplin, Intuition mit der „Härte und Transparenz der Mathematik“ (41) zu verbinden und „Modelle zu bauen, die systemische Interaktionen auf den Finanzmärkten hinreichen gut abbilden können“ (41) Die Weltfinanzkrise habe die Grenzen bisherigen Modelle und ihrer praktischen Anwendungen aufgezeigt. Innovationen seien dringend notwendig, den Nationalökonomen, „die durch den behutsamen Umgang mit arroganten Äußerungen nicht allzu bekannt sind“ (38), stünde mehr Bescheidenheit gut an. „Unsere reine Grundlagenforschung steckt eben doch noch in den Kinderschuhen und die produktorientierte Anwendungsforschung macht katastrophale Fehler, weil einige der Modelle wichtiges menschliches Verhalten ignoriert haben und andere Modelle auf Situationen angewandt wurden, auf die sie nicht passten“. (38)
Konsequenterweise bedeutet dies: Katastrophen und menschliches Versagen führen zu Innovationen, weil das ganze bisherige System in Frage gestellt und vom Kopf auf die Füße gestellt wird. Auch Börsch-Supan hat viel Sympathie für mehr Transdisziplinarität. So beruhten „die wichtigsten Fortschritte der Volkswirtschaftslehre in den letzten Jahren auf der Integration psychologischer, soziologischer und politikwissenschaftlicher Aspekte in die Ökonomie (Stichwort ‚behavoiral economics’“). (36) Auch zu den Neurowissenschaften und zur historischen Wissenschaft gebe es wichtige Querverbindungen.

Wie das Neue in der Politikwissenschaft in die Welt kommt, stellt Dietmar Herz am Fallbeispiel der Gründung der Erfurt School of Public Policy (ESPP) dar, die inzwischen in Willy Brandt School of Public Policy umbenannt wurde. Auch hier ist Wissenschaft transdisziplinär angelegt. Nach dem Vorbild der Public Policy Schools in den USA werden Theorie und Praxis, Grundlagen- und Anwendungsforschung miteinander verbunden, um so „auf einen neu geschaffenen Ausbildungsbedarf an qualifizierten und professionellen Führungskräften im Öffentlichen Sektor“ (70) zu reagieren. Hier waren es Defizite in der Staats- und Regierungspraxis, die das Neue in die Welt brachten, protegiert durch Gründungsrektor Peter Glotz.

Für Kurt Biedenkopf sind Innovationen nicht nur das Ergebnis von Intuition und Neugier, sondern auch Folge gesellschaftlicher Veränderungen. Biedenkopf fordert bei dieser Gelegenheit Innovationen in Politik und Gesellschaft des Landes. Nach seiner Auffassung stoßen hier wie in der Wissenschaft „notwendige Veränderungen auf Widerstände, die das Bestehende – und deren Besitzstände – schützen wollen (…)“ (101). Seine Vorschläge sind allerdings nicht innovativ, sondern seit Jahrzehnten bekannt und viel diskutiert. Sie erneut aufzuwärmen, trägt wenig zum Thema „Finden und Erfinden“ bei. Und weil auch ein amtierender Minister seinen Teil zum Duisburger Dialog und damit zum Buch beisteuern darf, schreibt Andreas Pinkwart darüber, „[w]as Innovationspolitik bedeutet – und wie sie die Suche nach dem Neuen unterstützen kann“. Freiräume schaffen, Innehalten, gemeinsam mit den Hochschulen Ziele festlege – das ist okay, aber nicht sonderlich originell.

Bei Timon Beyes ist das anders. Er schreibt über das „Innovationslabor Stadt“ und ihre Entwicklungsprozesse. Ideen wie die „Unternehmerische Stadt“ und die „Science City“ als „Modell der Universität des 21. Jahrhundert“ (78) schaffen im Wortsinn „Kreativ-Räume“, territorial und virtuell. In der Heterogenität und Dichte des Urbanen treffen sich Wissenschaft, Unternehmenswelt und Öffentlichkeit, und auf dieser Plattform mit ihren Vernetzungen und Interaktionen entsteht Neues: „Inter- oder transdisziplinäres Finden und Erfinden, so scheint es, gedeiht am besten unter den physischen, sozialen und imaginären Bedingungen des urbanen Raums“. (79)

Jürgen Mittelstrass und Timon Beyes haben ein kleines Buch mit Zündstoff vorgelegt. Sie verlangen von Wissenschaft und Forschung nicht weniger als Lust auf Neues, das Einreißen von Zäunen, das Verlassen alter Besitzstände, Forschungskooperationen auf Zeit, transdisziplinäre Aktivitäten und Selbstbewusstsein. Die Forscher müssen sich bewegen, die Bürokratien und die Politiker aber noch viel mehr. Von der Gesellschaft verlangen die Autoren, die Wissenschaft nicht zu gängeln, sie nicht in ein anwendungsorientiertes Schema zu pressen und ihre Forschung (durchaus kritisch) zu akzeptieren.

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