Wenn Kunden fremdgehen, schließen die Geschäfte

Bricht in ländlichen Kommunen die Nahversorgung als Daseinsvorsorge weg?

Von Armin König

Bürger ohne Nahversorgung

Im Saarland hat in den letzten 24 Monaten eine ganze Reihe von Einzelhandelsgeschäften geschlossen. So wurden zahlreiche Läden wegen mangelnder Rentabilität aufgegeben. Das betrifft insbesondere Ladengeschäfte mit einer Größe von bis zu 1000 qm. Z.T. waren die Ladenbetreiber nicht in der Lage, notwendige Modernisierungsinvestitionen (etwa im Bereich Kasse / Warenbewirtschaftung) aufzubringen.

Dass kleinere Läden wegen fehlender Perspektive geschlossen werden, ist seit etwa zehn Jahren Geschäftsphilosophie der großen Handelsunternehmen. Selbst die genossenschaftlich organisierte Edeka, die lange an kleineren ortsnahen Läden festhielt, ist mittlerweile eindeutig auf diesem Weg. Immer mehr „nah und gut“-Märkte müssen aufgeben, auch dann, wenn es die letzten Nahversorgungs-Geschäfte in kleineren Gemeinden sind. Schon 2001 wurde in Zeitungsberichten darüber spekuliert, dass der Konzern mittelfristig 2000 Filialen in Deutschland wegen mangelnder Rentabilität schließen werde. Das wurde zwar dementiert, heute sind aber wir mitten in diesem Prozess der so genannten Marktbereinigung.

Handelsexperten rechnen vor, dass es den Läden erst ab etwa 1000 qm Verkaufsfläche gelingt, die Vorteile des Supermarktes richtig auszuspielen. Auch die Discounter Aldi und Lidl setzen inzwischen auf Betriebsgrößen von 1200 bis 1500 qm. Wo die Vorgaben nicht (mehr) erreicht werden, ist das Ende absehbar. Damit verlieren vor allem kleinere Gemeinden ihre letzten Einkaufsmöglichkeiten – und auch ein Stück Daseinsvorsorge.

Für mobile Kunden ist dies kein Problem. Doch wer kein Auto hat, sieht im Wortsinn oft alt aus. Dabei stehen wir nach Ansicht von Handelsexperten erst am Anfang eines weiteren Konzentrationsprozesses.

Wenn Kunden fremdgehen, schließen die Geschäfte

Grundvoraussetzungen für funktionierenden Einzelhandel sind ausreichender Umsatz und ein Geschäftsergebnis, das Existenz sichernd für den Geschäftsinhaber ist.

Wenn kleine oder auch mittlere Läden schließen, rufen Bürger gern nach der Verwaltung oder der Politik, die die Probleme der Nahversorgung lösen sollen. Dass die Kunden selbst wesentlich zur aktuellen Entwicklung beitragen und beigetragen haben, wird oft ausgeblendet. Auch die Zahlengrundlagen sind kaum bekannt.

Sabine Hagmann vom Einzelhandelsverband Baden-Württemberg e.V. hat in einer Beispielrechnung für eine Ort von 3.000 Einwohnern deutlich gemacht, dass ein Umsatz von 795.000 € pro Jahr bei weitem nicht ausreicht, die Existenz eines Kaufmanns oder einer Kauffrau zu sichern. Zieht man vom Rohgewinn die Kosten für Personal, Mieten, Energie- und Raumkosten, Fahrzeug, Werbung usw. ab, bleiben am Ende 7.318 € im Jahr. Das Geld verdient ein Lehrerehepaar in einem Monat! Und damit wird auch deutlich, warum die Zahl der Leerstände in den Orten immer weiter zunimmt. Während die Kosten permanent steigen, sinkt der Ertrag immer weiter. Die Arbeit als Einzelhändler macht einfach keinen Sinn mehr.

Schuld daran sind auch (oder vor allem?) die Kunden. So lange sie die Waren des täglichen Bedarfs im Ort gekauft haben, konnten die Einzelhändler leben. Doch dann kamen die Supermärkte, und mit den Supermärkten starben die Tante-Emma-Läden. Nach den Supermärkten folgten die Discounter und schließlich die Einkaufsriesen auf der grünen Wiese. Auf gigantischen Flächen wurden Vollsortimenter aus dem Lebensmittelsektor mit Textil- und Möbelhandel kombiniert, und damit begann der Exitus der kleinen Geschäfte, der bis heute anhält.

Die Kunden gingen fremd, weil sie in den Globus-, Real- und Kaufland-Zentren auf engstem Raum alles bekamen, was sie brauchten – und billig tanken konnten sie dort auch. Es gab Parkplätze im Überfluss – und jede Menge Lockangebote. Der aufkommende Online-Handel führt zu weiterer ernst zu nehmender Konkurrenz für den Handel. Die Abwärtsspirale beschleunigt sich, die Nahversorgung bricht weg. Und die Alten, die zurückbleiben und nicht mobil sind, müssen sehen, wo sie bleiben. Wie der Teufelskreis zu durchbrechen ist, weiß derzeit keiner.

Die Bürger selbst könnten die Entwicklung steuern: indem sie wieder mehr im Ort kaufen, wenn neue Nahversorgungskonzepte erprobt werden.

Die Expertenmeinung von Michael Gutjahr

„Viele Institutionen und Verbände prognostizieren, dass in den nächsten Jahren in über der Hälfte aller Kommunen im ländlichen Raum keine hinreichende Nahversorgung mit Waren und Dienstleistungen mehr vorhanden sein wird. Seit Jahren sind die Privatisierung, Globalisierung und Zentralisierungsabsicht von verschiedensten Unternehmen zu beobachten. Viele Kommunen haben dies durch schmerzhafte Einschnitte bei der Versorgung bereits erfahren. Die über Jahrhunderte gewachsenen wirtschaftlichen Strukturen des Handels, der Dienstleistung, des Lebensmittelhandwerks, der Versorgung der Bevölkerung in unseren Kommunen ist in wenigen Jahren nicht nur ins Wanken gekommen, ja sie drohen komplett wegzubrechen. Eine Kommune ohne Wirtschaftsleben wird zu einer reinen Schlafstatt.

Eine Ende dieser Entwicklung ist noch nicht in Sicht und wird durch die demografische Entwicklung … noch verschärft. Der Erhalt der Nahversorgung mit Dienstleistungen und Produkten ist für jede Kommune eine Herausforderung für die Zukunft.“

Die Expertenmeinung von Silvia Horn und Ulrich Kollatz

„Die Nahversorgung ist ein wichtiger Bestandteil der gesellschaftlichen Teilhabe, deren Sicherstellung gewährleistet die grundgesetzlich geforderte ‚Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse‘. In zunehmendem Maße gestaltet sich jedoch die Nahversorgungs-situation, insbesondere im ländlichen Raum, aber auch in kleineren Städten … problematisch. Verantwortlich hierfür sind unter anderem die massiven strukturellen Veränderungen des Einzelhandels in den letzten Jahren (Verdrängungswettbewerb, Flächenexpansion, Globali-sierung, Filialisierung etc.), als auch die einsetzenden Veränderungen auf Grund der demographischen Entwicklung (Bevölkerungsrückgang, Überalterung, Wanderungsbewegungen etc.

Vielfach wird deutlich, dass sich durch den Rückzug und das Wegbrechen der Einzelhan-delsstrukturen ebenfalls die gesellschaftlichen, … sozialen und kommunikativen Möglichkeiten der Bevölkerung in diesen Gebieten parallel negativ entwickeln – unter anderem eine Konsequenz des Verlustes der frequentierten Kristallisationspunkte in den Dörfern, Stadtteilen und Städten.“

Was ist Daseinsvorsorge?

Der von Ernst Forsthoff geprägte Begriff bezeichnet die Bereitstellung von Infrastruktur, Sozialeinrichtungen sowie kulturellen, technischen und sozialen Dienstleistungen, die für die Funktionsfähigkeit des Gemeinwesens von erheblicher Bedeutung sind. Dazu zählen als Teil der Leistungsverwaltung die Bereitstellung von Wasser, Entsorgungsdienstleistungen, Schulen, Kindergärten, Krankenhäuser, Pflegedienste, Friedhöfe, Sporteinrichtungen, Gesundheitseinrichtungen.

In den letzen Jahren sind zahlreiche Leistungen der Daseinsvorsorge in privatrechtliche organisierte Gesellschaften oder Zweckverbände ausgelagert (outgesourct) worden.

Im ländlichen Raum sind durch demographischen Wandel und strukturelle Umbrüche Einschränkungen im Umfang der bisher von den Kommunen bereitgestellten Infrastruktureinrichtungen zu erwarten.

Auch die Nahversorgung mit Lebensmitteln gehört zur Daseinsvorsorge. Dies wird zu einer neuen Herausforderung für die öffentliche Hand.

Mögliche Alternativen

Das Thema Nahversorgung spielt sowohl in der wissenschaftlichen Diskussion als auch in der Erprobung von Best-Practice-Modellen eine zunehmende Rolle.

Als Alternativen werden vor allem Dorfläden, Nachbarschaftsläden und so genannte KOMM-IN-Läden getestet, in denen private und kommunale Dienstleistungen zusammengefasst werden. Zum Teil werden die Einrichtungen nebenamtlich oder ehrenamtlich geführt.

Sie sind kein vollwertiger Ersatz für die bisherige Nahversorgung, können aber dazu beitragen, eine Grundversorgung sicherzustellen.

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