Verantwortung in einer komplexen Gesellschaft

Anton Rauscher (2010) (Hrsg.):Verantwortung in einer komplexen Gesellschaft. Duncker & Humblodt, Berlin.

Seit Max Weber ist der Gedanke der Verantwortungsethik in Deutschland eingeführt, seit Hans Jonas hat Verantwortung den Charakter des Prinzipiellen. Weber und Jonas spielen auch im Sammelband „Verantwortung in einer komplexen Gesellschaft“ eine Rolle, der die Ergebnisse eines deutsch-amerikanischen Kolloquiums aus dem Jahr 2008 zum Thema „Responsibility: Recognition and Limits“ dokumentiert. Das Buch, das der christlichen Soziallehre verpflichtet ist, schlägt einen großen Bogen von Grundfragen der Verantwortung seit Aristoteles und Cicero über Verantwortung in Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kirche bis hin zu aktuellen Fragen: So führt die Diskussion von der „Subprime (Ir)responsibility“ (Patrick Quirk) direkt zur „Collective Irresponsibility“, die von Peter L. Simpson analysiert wird – also einer kollektiven Unverantwortlichkeit – wobei Simpson nicht dem Kapitalismus als System die Schuld gibt, sondern dem Verhalten jedes Einzelnen, weil der Bürger eben auch seine Konsumwünsche befriedigen will.

Auch die Frage, was wir wo kaufen, spielt eine Rolle. Unterstützen wir Ausbeutung und Kinderarbeit, indem wir beispielsweise asiatische Billigwaren kaufen? Wie gehen wir überhaupt mit diesen Fragen um: Sind wir für andere Länder und die Menschen dort verantwortlich? Ein heißes Thema.
Jude P. Dougherty stellt in diesem Zusammenhang die Frage, welche Pflichten die reichen Staaten der entwickelten Welt gegenüber den Entwicklungsländern haben. Was ist die Erste Welt der Dritten Welt schuldig? Dougherty kommt zum Ergebnis, dass Verantwortung nur auf der Basis einer konkreten Ordnung individuell zu bestimmen ist. Er setzt deshalb Grenzen der Verantwortung: „responsibility cannot be assigned willy-nilly“. Man muss schon individuelle Beurteilungen vornehmen, je nach Situation.

In der ethischen Tradition war der Mensch als Individuum für sein Tun und die Folgen verantwortlich. Das hat sich geändert. In Zeiten der Globalisierung und der (auch informationstechnischen) Vernetzung verschwimmt die personale Verantwortlichkeit zunehmend. Immer mehr anonyme Organisationen und Institutionen drehen die großen Räder, ohne dass erkennbar wird, wer dahinter steckt. So wächst die Gefahr, dass der Mensch selbst zum Spielball wird, „dass die Verantwortungsstrukturen sich durchmischen und nicht mehr transparent sind“ . Gerade wegen der Risiken in bioethischen Fragen und bei Fragen der Technologiefolgen komme der Verantwortung wieder ein größerer Stellenwert zu, schreibt Anton Rauscher. „Wir müssen sie neu entdecken und praktizieren, damit unsere Welt und unsere Gesellschaft human bleiben können.“

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